Der Malort und das Malspiel

In einer Zeit mit permanenten Erfolgsdruck, in der Empfindungen und eigene Bedürfnisse wenig Raum finden, das persönliche Miteinander immer öfter auf virtuelle Medien beschränkt ist, Kinder für die Schule wöchentlich bereits genauso lange arbeiten, wie Erwachsene, eine ständige Reizüberflutung auf uns einwirkt, ist ein geschützter Raum in dem man sich für einen Augenblick zurückziehen kann, wie Balsam für Körper und Seele.

 

Der Malort bietet jedem in der Gruppe einen solchen geschützten Raum.

 

Für den Augenblick eines Malspiels findet man hier die Nähe zu anderen Mitmalenden ohne Worte, ein Umsorgtwerden von der dienenden Person ("Malleiterin"), ein Zur-Ruhe-Kommen und Sich-Selber-Wiederfinden, Zeit und Raum das eigene Empfinden wahrzunehmen, Geborgenheit um sich ohne Druck ausschließlich auf das eigene Tun einzulassen.



Feste Spielregeln, Ordnung und Struktur

 

Der Malort ist unersätzlich, einzigartig. Man befindet sich in einem Ort der Beständigkeit. Regeln, Ordnung und Strukturen bieten Sicherheit und gleichzeitig den Freiraum für das eigene Tun:

 

Der Raum ist klar strukturiert und verändert sich nicht. Er garantiert die Beständigkeit.

 

Der Maltisch bietet 19 dickflüssige, sorgfältig hergestellte Temperafarben, die frei von Giftstoffen sind, sowie hochwertige und handgefertigte Feehaar-Pinsel. Dies ist der Platz des Miteinanders und sich Begegnens.

 

Gemalt wird auf Papierbögen direkt an der Wand. Die Malenden stehen Seite an Seite. Dies gibt Nähe, Förderung und Inspiration.

 

Die Malspielgruppe ist altersgemischt, Jung und Alt malen nebeneinander. Nie wird einer dem anderen im Weg sein. Es ist ein Miteinander und macht das Geschehen zu einem Gewöhnlichen, zur Selbstverständlichkeit.

 

Niemand stellt Fragen oder gibt ein Thema als Malauftrag vor. Das Malspiel wird nicht bewertet oder kommentiert.

 

Das Malspiel geht über 1 1/2 Stunden ohne Unterbrechung, so dass ansatzlos "gespielt" werden kann.

 

Die dienende Person (ich) gibt rein praktische Hilfe, sorgt für das benötigte Material und stellt sicher, dass die Regeln eingehalten werden und der richtige Umgang mit dem Material praktiziert wird. Alles was die Malenden ablenken könnte, wird ihnen von der dienenden Person liebevoll abgenommen, somit konzentrieren sie sich ausschließlich auf ihr Spiel.

 

Die gemalten Werke verbleiben nach dem Malspiel am Malort. Hier kann entweder beim nächsten Besuch weitergemalt werden oder sie werden einfach für die Malenden aufbewahrt. Damit sind die Bilder geschützt und werden nicht von anderen kommentiert oder beurteilt.

 

Malen ist hier vom Bedürfnis und nicht vom Alter, von der Entwicklung oder Vorkenntnissen des Malenden abhängig. Es ist ein Spiel.

Eine ungehemmte Unvernunft beim Malen entwickelt sich. Es fließt ohne Planung eine Äußerung auf Papier. Eine Rechtfertigung des Bildes ist verheerend, macht unfrei beim Malen und wird es an diesem Ort nicht geben. Erleben sie die wundervollen Auswirkungen ihres eigenen Tuns ohne Beeinflussung von Außen und lassen sie sich von ihrem Malbedürfnis lenken. Es ist, als wüßte der Pinsel den Weg!

 

Diese Art zu malen entspannt und macht den Kopf nach einem anstrengenden Tag wieder frei. Es stärkt das Selbstbewußtsein, die Geschicklichkeit, Ernsthaftigkeit, Konzentration und Genauigkeit. Vorsichtig wird geübt und Verantwortung übernommen, sowie durch wiederkehrende Rituale, Regeln und Begegnungen innerhalb der Gruppe, das soziale Miteinander erlebt. Dies zeigt sich sowohl bei Kindern, als auch bei Erwachsenen. Die Gruppe ist offen für neue Personen, solange noch Plätze frei sind.

 

 

ARNO STERN (1) - ÜBER DAS MALSPIEL, DIE FORMULATION UND DAS DIENEN

ARNO STERN (2) ÜBER DAS MALSPIEL, DIE FORMULATION UND DAS DIENEN