Idsteiner Zeitung

 

Der Pinsel scheint den Weg zu wissen


23.04.2013 - BERMBACH

Von Ingrid Nicolai

SELBSTVERSUCH Das Malspiel – mehr als bunt


„Ich bin dann mal malen“, rufe ich meinem Kollegen zu, und bin überzeugt, an diesem Nachmittag das bessere Los gezogen zu haben. Nach einer zweistündigen Konferenz raucht der Kopf, meine Lust, sich jetzt an den Computer zu setzen, hält sich in Grenzen. Dann doch lieber zum Selbstversuch nach Bermbach fahren.

Renate Wingerberg hat dort in der Höhenstraße ein offenes Atelier für Ausdrucksmalen eingerichtet und nach einem zehntägigen Paris-Aufenthalt bei Arno Stern im vergangenen Jahr das Malspiel aus der Taufe gehoben. Da will ich heute mitmachen. Unter dem Motto „Farbentanz und Pinselstrich“ lädt sie zu einer ganz besonderen Begegnung ein: auf den ersten Blick ist es die mit den anderen Teilnehmern in der Gruppe, tatsächlich ist es aber die Begegnung mit sich selbst.

Regeln machen frei

Die Mitglieder des Internationalen Frauenfrühstücks sind heute wie ich das erste Mal in diesem Atelier. In der Mitte des Raums steht ein Maltisch mit 19 dickflüssigen Temperafarben und verschieden starken Feehaar-Pinseln. Gemalt wird auf Papierbögen direkt an der Wand, Seite an Seite. Renate Wingerberg unterstützt uns in den nächsten zwei Stunden ganz praktisch, umsorgt uns, indem sie etwa neue Bögen an die Wand heftet, Farben mischt und auf ein paar Regeln aufmerksam macht, die den eigenen Freiraum ermöglichen sollen. Regeln? Ich hatte etwas von „Ungehemmter Unvernunft“ auf der Homepage des Ateliers gelesen – wie passen da die Regeln rein? Aber das ist vielleicht das erste Aha-Erlebnis an diesem Nachmittag: Dadurch, dass sich alle an ein paar Regeln halten, wächst die eigene Freiheit.

Foto: wita / Udo Mallmann



„Was sollen wir denn malen?“, wollen einige wissen, und ich ahne schon: Auf diese Frage werden wir keine Antwort bekommen. Malen ist hier von nichts anderem als vom eigenen Bedürfnis abhängig, und das ist bei jedem anders. Mancher malt großräumig und ausladend über drei Blätter, andere sind detailverliebt, die Eine mag es Ton in Ton, die Andere bunt. Ich selbst erlebe mich im Farbenrausch, kombiniere Farben, die ich beispielsweise in der Kleidung für unkombinierbar halten würde. Meine Nachbarin packt Sehnsüchte aufs Papier, etwa ein Häuschen in einer schönen Landschaft, andere Träume oder Gefühle sind bar jeder Form. Die Stimmung ist gut, einmal wird sogar ein Lied angestimmt, zwischendurch ist es mucksmäuschenstill. Der Pinsel scheint den Weg zu wissen.

Was passiert, soll ohne Beeinflussung von außen passieren, das heißt auch ohne Erklärung und Rechtfertigung, ohne Lob und Streicheleinheit. Ich gebe zu, dass ich anfangs gerne ein „Das machst Du aber gut!“ zur Motivation gehört hätte, nach zwei Stunden ist mir klar: Ich habe mich beim Malen selbst gespürt, mehr habe ich nicht gebraucht. In diesem Sinne verbleiben die Bilder im Atelier, werden auch „draußen“ nicht zum Gegenstand von Bewertungen, Vergleichen. Das Atelier ist für uns auch nach dem Malspiel ein geschützter Raum.

Foto: wita / Udo Mallmann

 

Nebenwirkungen

 

„Diese Art zu malen, entspannt und macht den Kopf nach einem anstrengenden Tag frei“, erklärt Renate Wingerberg. „Es stärkt das Selbstbewusstsein, die Geschicklichkeit, Ernsthaftigkeit, Konzentration und Genauigkeit.“ Glücklicherweise erzählt sie mir das erst nach meinem Selbstversuch. Ich hätte mich vermutlich sonst unter Druck gesetzt, hätte diese Erwartungen bewusst oder unbewusst erfüllen wollen. Jetzt nach dem Spiel mit der dazugehörigen Spielfreude kann ich aber genau diese und weitere Nebenwirkungen erkennen. Die Zeit ist im Fluge vergangen und ich fühle mich absolut erfrischt und angenehm entspannt. Es könnte passieren, dass mein Kollege jetzt öfter mal hört: „Ich bin dann mal malen.“